Der Lebensmitteleinzelhandel im digitalen Zeitalter

Der Lebensmitteleinzelhandel im digitalen Zeitalter

Wo kaufen wir in Zukunft unser Essen? Neue Konsumtrends, Logistikkonzepte und digitale Möglichkeiten haben das Potential, unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln zu revolutionieren.

Der kritische Konsument

Lebensmittelskandale haben in den letzten Jahren die Lebensmittelindustrie verändert. Gesund essen alleine genügt dem heutigen Konsumenten nicht mehr. Er will genau wissen, von welchem Hof das Fleisch stammt und welchen Weg ein Produkt zurückgelegt hat, bis es im Supermarktregal gelandet ist. Der Trend zu mehr Gesundheit, Effizienz, Variation und Transparenz hat die Erwartungshaltung an den Lebensmittelhandel stark verändert.

Doch Inspiration und Sinnlichkeit bleiben weiterhin starke Bedürfnisse der Menschen, und somit wird auch der reale Einkaufsort seine Wichtigkeit behalten, selbst wenn das online shoppen von Lebensmitteln einfacher und günstiger wird. Vorausetzung dafür ist aber, dass der stationäre Laden seine bewährten Stärken mit den neuen Bedürfnissen ergänzt.

Vom Point of Sale zum Point of Service

Durch seine Onlinekäufe ist es der Kunde von heute gewohnt, ein umfangreiches Sortiment zur Verfügung zu haben. Aber es ist nicht nur das umfangreiche Sortiment, sondern auch die umfangreiche Information über das Sortiment sowie die bequeme Produktauswahl. Die gleichen Anforderungen stellt der Kunde nun auch dem stationären Handel.

Der “Point of Sales” muss sich zum “Point of Service” wandeln und den Einkauf zum Erlebnis werden lassen. Digitale Technologien können dabei helfen, die Grenzen zwischen den einzelnen Vertriebskanälen zu überbrücken und bei der Beratung zu unterstützen. Digitalisierung bedeutet in diesem Falle aber nicht, die gesamten Vertriebskanäle umzuwandeln, sondern die bestehenden mit weiteren Kanälen zu ergänzen und damit dem Konsumenten mehr Freiheit beim Einkauf seiner Lebensmittel zu ermöglichen. Hier ist das Stichwort Omnichannel-Retailing, also Kundenansprache über verschiedene, vollständig integrierte Kanäle. Doch nicht jede Technologie passt. Nur wenn durch den Einsatz ein signifikanter Mehrwert für den Kunden geboten werden kann, ist die Nutzung digitaler POS Mittel sinnvoll.

Das Auge kauft mit

Europaletten und unsortierten Warenregale verschwinden zunehmend vom Markt. Die Discounter entwickeln sich zu Supermärkten und die Supermärkte zum Erlebnismärkten. Lidl und Aldi testen bereits neu etwickelte Marktkonzepte in Italien und Australien. Ein großzügigeres Raumkonzept, warmes und modernes Ambiente, frische Produkte in Holzregalen sowie die Ergänzung des Sortiments mit Markenprodukten sollen die Kunden vermehrt in die Discounter locken.

Wie sich die heutigen Supermärkte in Zukunft von den Discountern abheben können, zeigt ein Forschungsprojekt im saarländischen St. Wendel, wo vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz ein realer Hightech-Supermarkt aufgebaut wurde um neue digitale Technologien zu testen.

Der Hightech-Erlebnismarkt

Die Forschungsthemen im Testmarkt in St. Wendel reichen vom Heimbereich, wo die Einkaufsliste am digitalen Display des Kühlschranks erstellt wird, bis hin zum intelligenten Einkaufswagen, der die digitale Einkaufsliste auf einem Display anzeigt und auch die Navigation durch den Supermarkt übernimmt. Sobald man einen der Artikel in den Einkaufswagen legt, verschwindet diese von der Einkaufsliste.

Der digitale Müsliberater

Nimmt man in der Müsliabteilung ein Müsli aus dem Regal, wird einem passend dazu auf dem Display des Müsli-Beraters die zugehörige Informationen angezeigt. Nimmt man ein zweites Müsli heraus, können beide anhand einer Tabelle auf dem Display miteinander verglichen werden. Stellt man ein Produkt zurück oder in den Einkaufswagen, verschwindet die zugehörige Information am Regal.

Der digitale Artikelfinder

Sucht man ein zusätzliches Produkt im Markt sind einem digitale Artikelfinder behilflich. Mehreren digitale Stehlen, die im Markt verteilt sind, ermöglichen es Kunden, eigenständig nach Produkten zu suchen und sich den aktuellen Standort des Produktes im Markt auf einer Karte anzeigen zu lassen. Bzw. kann eine auf dem Handy installierte App des Supermaktes die Naviagation zum Produkt übernehmen. Ist man noch unschlüssig, was man kaufen möchte kann man per Touch-Interaktion mit einem Marktmodell durch die verschiedenen Abteilungen und Regale des Marktes klicken und sich inspirieren lassen

Der Bäckerei Terminal

Der Bäckerei Terminal liefert dem Kunden schnell und einfach eine Vielzahl an Informationen zu den unterschiedlichsten Produkten der hauseigenen Meisterbäckerei. Speziell für Allergiker ist die Identifizierung der Inhaltsstoffe von Backwaren oft schwierig. Das neue Bäckerei-Terminal bietet gut aufbereitete Informationen und somit deutlich mehr Transparenz für Kunden, welche vermehrt Wert auf die Inhaltsstoffe ihrer Lebensmittel legen. Kunden können sich die abgerufenen Informationen direkt am Terminal ausdrucken und mit nach Hause nehmen.

Die intelligente Obststeige

Auch beim Obst und Gemüse wird der Kunde zuküftig durch die Anzeige von Sorte, Herkunft, Handelsklasse, Preis wie auch Tipps und Hinweise zum Umgang mit der Ware unterstützt. Durch RFID Chips, die an den Obstkisten montiert sind, erkennt die intelligente Obstschräge, welche Produkte gerade angeboten werden und zeigt automatisch die richtigen Informationen auf dem oberhalb befestigen Display. Wird ein Produkt ausgetauscht, ändert sich auch automatisch die Information.

Persönlicher Kontakt bleibt weiterhin wichtig

All diese digitalen Hilfsmittel sind nur so gut, wie sie betreut und bedient werden können. Ein weiterhin wichtige und ausschlaggebende Abgrenzung zu den Diskontmärkten ist der persönliche Kontakt zwischen Verkäufer und Kunde. Die digitalen Hilfsmittel ermöglichen dem Verkäufer die umfangreiche Beratung die sich der Kunden von heute wünscht. Gibt es einen Sortimentswechsel, kann jeder Mitarbeiter sofort auf alle wichtigen Informationen zugreifen.

Digitale Technologien werden in Zukunft die Brücke zwischen online und stationären Lebensmitteleinzelhandel bilden. Der Kunde ist skeptischer geworden, kauft seine Lebensmittel aber immer noch vorrangig stationär ein. Das gibt dem Lebensmitteleinzelhandel die Möglichkeit, Digitalisierung als Bereicherung und nicht als Disruption der stationären Shops zu sehen.